Wieso ist die Mundmotorik so wichtig für das Sprechen?

Wieso ist die Mundmotorik so wichtig für das Sprechen?

Artikulation

Ich möchte euch heute Vorschläge machen zur kindgerechten Mundmotorik. Alle vorgestellten Übungen sind sinnvoll und werden euren Kindern viel Spaß machen. Am wirkungsvollsten sind sie allerdings, wenn sie entsprechend der Bedürfnisse des Kindes verwendet werden. Deshalb gebe ich euch vorab noch einige Informationen zur Artikulation, bevor ich die verschiedenen mundmotorischen Übungen zur Kräftigung der jeweiligen Muskeln vorstelle.

Die Spielvorschläge zur Förderung der jeweiligen Muskelgruppen befinden sich als pdf im Anhang und können kostenlos heruntergeladen werden.

Wenn man vom Sprechen spricht, dann ist damit die Artikulation gemeint. Dieser Begriff bezieht sich auf das lateinische Wort „articulare“ und bedeutet „deutlich aussprechen“. Eine deutliche Artikulation ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Verständlichkeit der Aussprache. Sie verleiht dem gesprochenem Wort seine Gestalt und Deutlichkeit.

Sensorische Wahrnehmung

Um artikulieren zu können ist ein gutes Zusammenspiel der komplexen motorischen Abläufe notwendig. Die sensorische Wahrnehmung durch die Sinnesorgane ist sehr wichtig.
Das Kind sieht mit seinen Augen die Bewegungen deiner Lippen, es hört zeitgleich den Laut bzw. das Wort und kann somit die Mundbewegung mit dem Gehörten verknüpfen.
Genauso wichtig ist für das Kind, dass es beim Bilden der Laute spürt, wo die Zunge ist oder wie die Lippen geformt sind. Da ein wichtiger Aspekt der Mundmotorik das spielerische „Training“ präziser Bewegungsmuster ist, ist sie ein guter Begleiter beim Sprechenlernen.

Die Artikulationsorte

Bei den Artikulationsorten handelt es sich um relativ unbewegliche Bereiche im Mundraum. Dazu gehören die Oberlippe, die oberen Zähne, der Zahndamm, der harter Gaumen und der weiche Gaumen mit dem Velum (Zäpfchen). Sind sie aber von großer Bedeutung für die beweglichen Artikulationsorgane, wie z.B. die Zunge, denn sie geben den Zielort bei der Bildung von Sprachlauten vor. So stösst die Zungenspitze bei der Bildung des Lautes /t/ oben an den Zahndamm.

Die Artikulationsorgane

Zu den Artikulationsorganen zählen der Gaumen, die Zunge, die Lippen,  die Luftröhre, der Kehlkopf, sowie die oberen und unteren Schneidezähne. Die Artikulationsorte sind für die beweglichen Artikulationsorgane das Bewegungsziel beim Artikulieren von Sprachlauten. Die Artikulationsorgane (Lippen, Unterkiefer, Zunge und Gaumensegel) verändern durch ihre Bewegung die Form des Ansatzrohres und die Luftverhältnisse im Mundraum. Dadurch können Klänge, Klanggemische oder Geräusche und natürlich unterschiedlichen Sprachlaute entstehen.

Mundmotorik

Manchmal kommt es vor, dass sich die Mundmotorik eines Kindes langsamer entwickelt. Du bemerkst, dass dein Kind Schwierigkeiten mit der Koordination und Bewegung seiner Muskeln von Kiefer, Lippen, Zunge und Gaumen hat. Meistens ist die Muskelspannung hypoton (zu schwach). Du bemerkst es vielleicht dadurch, dass dein Kind den Mund offen hat und evtl. die Zunge zwischen den Lippen liegt.

Das trifft besonders häufig zu, wenn ein Kind häufig erkältet ist. Dabei wird die gesunde Nasenatmung unterbrochen. Bei ihr ist der Mund geschlossen und die Zungenspitze liegt am oberen vorderen Gaumen. Während eines Infektes kann das Kind jedoch schlecht durch die Nase atmen und atmet deshalb verstärkt durch den offenen Mund. Das führt dazu, dass die Muskulatur von Wangen und Lippen – die für den Mundschluss zuständig sind – erschlafft. Dies ist nur ein Beispiel, aber es gibt viele Gründe, die zu einer schwachen Mundmuskulatur führen können.

Für die Lautbildung braucht dein Kind eine kräftige Mundmuskulatur.

Förderung der Mundmotorik

Unterstütze die Mundmuskulatur deines Kindes.

Hast du das Gefühl, dass die Mundmuskulatur deines Kindes schlaff ist, kannst du spielerisch die Muskelkraft unterstützen. Es gibt verschiedene Übungsbereiche, um die Mundmotorik zu fördern. Prinzipiell können für alle Muskelbereiche unterschiedliche Übungen ausgesucht und durchgeführt werden.
Im Folgenden stelle ich euch einige Übungen vor, die ihr gemeinsam mit eurem Kind/euren Kindern zu Hause durchführen könnt.

Wahrnehmungsübungen

Diese Übungen fördern die orale Sensibilität sowie die Wahrnehmung deines Kindes für die motorischen Abläufe beim Sprechen. Umso besser dein Kind den Mundinnenraum wahrnimmt, desto besser kann es die Artikulationsorgane steuern. Es spürt nicht nur, wie sich die Zunge bewegt und was die Lippen machen, sondern fühlt auch das korrekte Zusammenspiel der Bewegungsabläufe von Zunge und Lippen.

Beweglichkeit der mimischen Muskulatur

Spielerisch lernt das Kind die an der Mimik beteiligten Muskulatur zu verbessern und gezielt zu bewegen. So brauchen viele Laute zur korrekten Bildung die Unterstützung der Wangenmuskulatur. Außerdem wird die Gesichtspartie sensibilisiert und das Kind wird sich der kommunikative Bedeutung der Mimik bewusst.

Pusteübungen

Pustespiele erscheinen erst einmal einfach und machen fast jedem Kind viel Spaß. Dabei trainieren sie die Zungen- und Mundmotorik, die Atemmuskulatur und die Lippenmuskulatur. Außerdem stärken sie die Eigenwahrnehmung der Zungen-, Lippen- und Wangenbewegung. Neben den sensomotorischen Fähigkeiten wird auch die gezielte Luftstromlenkung durch Pustespiele trainiert. 
Die Pusteübungen sind für die Luftstromsteuerung sehr wichtig und unterstützen die Bildung der Laute /f/, /s/, /sch/, /w/, /z/ und des Hauchlautes /h/.

Saugübungen

Die Saugübungen unterstützen den Spannungsaufbau im Lippenbereich deines Kindes. Außerdem wird die Rachenmuskulatur und das hintere Zungendrittel aktiviert. Die Bewusstmachung dieser Regionen dienen der Vorbereitung der Lautbildung der dritten Artikulationszone (/g/, /k/, ch2 wie in dem Wort „Dach“, /r/).

Lippenübungen

Mit den Lippenübungen gelingt es deinem Kind die Lippenkraft durch Aktivierung des Lippenringmuskels (M. orbicularis oris) zu stärken. Die Beweglichkeit der Lippen verbessert sich und die Kraft der Ober- und Unterlippe gleichen einander an. Durch die Lippenübungen wird die Eigenkontrolle deines Kindes gefördert und das Erlernen der Lippenlaute erleichtert. Sie dienen der Vorbereitung der Lautbildung der ersten Artikulationszone (/p/, /b/, /m/, /f/, /w/).
Außerdem bereiten sie den Laut /sch/ vor und die Einstellung des richtigen Resonanzraumes für die Vokale /o/, /u/.

Zungenübungen

Spielerische Zungenübungen sind sehr wichtig für eine gute Artikulation, denn die Zunge ist ein echter Bewegungskünstler!
Dafür sorgen Muskelfasern, die sich in drei Richtungen bewegen können und zwar von vorne nach hinten, vom Rand zur Mitte und von oben nach unten. Dadurch sind folgende Bewegungen möglich:

  • Die Zunge ist die einzige Muskulatur, die in der Lage ist, sich sowohl zu verkürzen, als auch aktiv zu verlängern. Wenn sich die senkrechten und waagerechten Fasern gleichzeitig zusammenziehen, wird sie schmaler und länger, du kannst die Zunge herausstrecken.
  • Du kannst die Zunge heben und senken.
  • Du kannst sie zurückbiegen, vorschieben und zurückziehen.
  • Du kannst eine Rinne bilden und die Zunge anheben und absenken.

Durch gezielte Bewegungen mit der Zungenspitze verbessern dein Kind die Wahrnehmung im Mundinnenraum. Es lernt bestimmte Positionen einzunehmen, wiederzufinden und zu halten. Diese Koordination ermöglicht ihm gezielte und schnelle Lageveränderung der Zunge auszuführen. Das ist die Voraussetzung für deutliches Sprechen.
Außerdem dienen Zungenübungen der Vorbereitung der Lautbildung der zweiten Artikulationszone (/t/, /d/, /n/, ch1 wie in dem Worten “ich“ und „Milch“ sowie des Lautes /l/ und der Zischaute)

Ich wünsche euch viel Spaß mit den motorischen Spielen im Anhang!